Wer wie ich im Bereich der IT seine Brötchen verdient, wird seit geraumer Zeit nahezu täglich mit neuen E-Mail-Einladungen zu Online-Konferenzen, Seminaren oder sonstigen Veranstaltungen zum Thema Cloud überschüttet. Aus diesem Grund möchte ich meinen heutigen Artikel diesem Thema widmen – wenngleich auch mit einem politisch inkorrekten Titel.

Eines vorweg: Man möge mich nicht falsch verstehen, ich stehe dem Thema Cloud weder ablehnend gegenüber, noch verteufle ich die Technologien, durch die eine Umsetzung erst möglich wird. Vielmehr geht es mir um die völlig überflüssige Stilisierung des Begriffes zu einer Art “Wunderwaffe” der kommenden Jahre sowie dessen Verwendung als geflügeltes Marketing-Schlagwort in teilweise zusammenhanglosen Anwendungsszenarien. Zumindest bei mir schwingt sich das Wort mittlerweile zum Nummer-Eins-Begriff für den Einsatz beim Bullshit-Bingo auf, findet aber auch als Nahrungsergänzung für das geliebte Phrasenschwein immer häufiger Verwendung.

Genug gewettert, zurück zum eigentlichen Hintergrund. Vor einigen Wochen sah ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen Beitrag, in dem Passanten von einem Reporter zur Definition des Begriffes Cloud befragt wurden. Teilweise wurde die Frage mit Unverständnis und Schulterzucken kommentiert, wiederum einige versuchten, mit Hilfe der deutschen Übersetzung des Rätsels Lösung beizukommen (leider ohne Erfolg), andere hingegen – vermutlich typische Konsumenten der Werbeindustrie – erklärten, dass Microsoft nun die Möglichkeit biete, ganz einfach im Internet (Familien-)Bilder zu bearbeiten, die man anschließend in sozialen Netzwerken, wie etwa Facebook, verwenden könne.

Doch was ist denn nun eine Cloud? Zumindest Wikipedia verwendet den Begriff nicht allein stehend, sondern nur in Kombination, nämlich Cloud-Computing. Meiner Meinung nach ist das der richtige Weg, das Thema sachlich korrekt darzustellen. Die Basistechnologien und die Idee für das Cloud-Computing ist nämlich bei weitem nicht neu. Als ich vor etwa 11 Jahren meine Diplomarbeit über die Vor- und Nachteile des Outsourcing von IT-Infrastrukturen bis hin zu Angeboten des Application Service Providing (ASP: Bereitstellung von Anwendungen und Diensten über das Internet) schrieb, war zwar keine Rede von Wolken, alle Modelle basierten aber auf den selben Gegebenheiten, die auch heute die Basis für die sogenannte Cloud bilden:

  • Internet, die Infrastruktur zu Übertragung von Daten zwischen Anbieter und Nutzer
  • Plattform, eine einheitliche Schicht für die Nutzung eigener Applikationen oder gar Umgebungen
  • Standardanwendungen, die eine flexible Nutzung bei tatsächlichem Bedarf ermöglichen
  • Dienste, die bei relativ geringem Funktionsumfang eine durchgängige, breite und hoch-verfügbare Nutzung bieten

Im Vergleich zu damals hat sich allerdings eine Technologie entwickelt, die ganz entscheidend zur Vereinfachung und Flexibilität bei der Umsetzung dieser Ideen beiträgt: die Virtualisierung. Egal auf welcher Ebene (Server-, Storage- bzw. Speicher- oder Softwarevirtualisierung), die Einführung einer neuen, virtuellen Schicht ermöglicht eine Optimierung und Abstraktion des Informationsflusses und führt somit zu einer effizienteren Nutzung der gegebenen Strukturen.

Und Abstraktion ist auch das richtige Stichwort, wenn es um das Thema Cloud (-Computing) geht. Der Anwender nutzt die aufgezählten Basistechnologien immer häufiger unbemerkt, das Bewusstsein für die tatsächlichen Abläufe schwindet, da die Prozesse zunehmend komplexer und damit undurchsichtiger werden. Das hat Vor- und Nachteile. Als wesentlichen Vorteil – und diesen empfinde ich auch für mich persönlich – sehe ich die durchgängige Integration von verfügbaren Diensten, die uns rund um die Uhr zur Seite stehen. Egal welcher Dienst hinzukommt oder vielleicht auch wieder verschwindet, es geht letztendlich immer um automatisch replizierte Daten und Informationen, die zwischen zentralen Speichern und privaten Geräten übertragen werden – zu jeder Zeit. Alles cool, alles easy.

Und wo ist nun bitteschön der Nachteil? Ich bin sicher kein extrem sicherheitsbewusster Mensch, der beispielsweise seine Telefonnummer unterdrückt, um bei abgehenden Rufen so wenig wie möglich Informationen über sich selbst preis zu geben – ich halte mich dafür einfach für zu unwichtig. Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht ab und an kritisch hinterfrage. Und genau das ist der Punkt der Sicherheit und des Vertrauens: Welche Informationen oder Daten liegen bereits in der Cloud, also auf den “zentralen Speicherorten” der jeweiligen Anbieter? Auch wenn alle Kommunikationswege heute sicher verschlüsselt werden, wer kann diese Informationen tatsächlich lesen? Kann ich alle Informationen und Daten wieder vollständig entfernen, wenn mir danach ist?

Wie schon erwähnt, geht es mir nicht im Geringsten darum, die Cloud-Technologien zu verteufeln – ich bin schließlich selber ein Nutzer. Allerdings kann ich den gegenwärtigen Hype nicht nachvollziehen und will mit diesem Artikel lediglich einen Denkanstoß geben. Die Zentralisierung der Stromversorgung im vergangenen Jahrhundert führte zu einer nahezu “monopolistischen” Anbieterstruktur – heute geht der Trend zurück zu dezentralisierten, unabhängigen Selbstversorgern. Dieses Beispiel gilt ganz sicher nicht für die komplette Cloud – aber wer diktiert zukünftig die Preise, wenn einmal eine Abhängigkeit entstanden ist? Der Nutzer oder der Anbieter?

Abschließend sei gesagt – ich bin kein Besitzer einer Glaskugel und weiß genauso wenig wie alle anderen, was uns in der Zukunft erwartet. Als Fan neuer, interessanter und nützlicher Technologien freue ich mich auf das was da kommt. Ich bin lediglich gegen dehnbare Marketing-Schlagwörter, die mehr Verwirrung stiften als Nutzen bringen – aber wer weiß, vielleicht begegnen uns ja zukünftig geflügelte Sätze wie: “Den hat die Cloud geschluckt.”

Nachtrag vom 28. April 2011: Nicht das ich etwas dafür kann, aber der heute erschienene Artikel auf heise.de bestätigt, was passieren kann, wenn ein “Wolkenbruch” einsetzt …